Woody Allen
Begnadeter Pessimist, verschusseltes Genie und feiner Humorist. Woody Allen ist der Großmeister der cineastischen Neurosen.
by John Steed (25. November 2011)
„Meine Mutter sagte immer, ich war ein ganz fröhliches Kind, bis ich fünf wurde“, behauptete Woody Allen einmal. Dann sei er ins Grübeln verfallen. Ein Satz, der nicht typischer sein könnte für den bekennenden Pessimisten mit dem schütterem Haar und der schwarz geränderten Hornbrille. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Aus Allan Stewart Konigsberg, so sein richtiger Name, ist trotz oder gerade wegen seines unerschütterlichen Pessimismus, ein Ausbund an Kreativität und feinsinnigem Humor geworden. 50 Filme, 21 Oscarnominierungen und drei Oscargewinne – das ist die Bilanz, auf die der 75-jährige Exzentriker bis heute zurückblicken kann.
Bevor der gebürtige New Yorker-Liebhaber allerdings zum vielbeschäftigten Großmeister der gepflegten Kino-Neurose aufstieg, verdiente er sein Geld zunächst mit dem Schreiben von Gags für diverse Zeitungen und Magazine. Sein Talent sprach sich schnell herum und schon kurze Zeit später stieg er zum Gagschreiber für Bob Hope und Sid Caesar auf. Anfang der 60er Jahre wurde aus dem talentierten Witzelieferanten selbst ein gefeierter Stand-up-Comedian, der in Bühnen- und Fernsehshows auftrat und als Komödiant durch die New Yorker Clubs tourte.
Sein erster Auftritt im Greenwicher Nachtclub Duplex geriet allerdings zum totalen Fiasko. Seine Manager bezeichneten ihn damals als schlechtesten Komiker, den sie je gesehen hatten. Und dennoch schaffte es Allen, aus seinem schüchternen und linkischen Auftreten, einen unverwechselbaren Stil zu kreieren, mit dem er schließlich zum echten Geheimtipp der New Yorker Stand-Up-Szene avancierte. Denn Allen spielte fortan einfach Woody, das neurotisch hektische Spiegelbild seines eigenen Ichs, auf das er sich auch bei seinen Filmerfolgen stets verlassen konnte.
Fünf Jahre später, Allen ist damals 30 Jahre alt und auf dem besten Wege, zu einer nationalen Berühmtheit als Stand-up-Comedian aufzusteigen, begann er auch mit der Arbeit zu seinem ersten Drehbuch für den Film „Was gibt's Neues, Pussy?". Und schon ein Jahr später debütierte er als Regisseur mit "What's Up, Tiger Lily?". Danach ging es Schlag auf Schlag. Mindestens ein Woody Allen-Film pro Jahr erblickte das Licht der Landwand.
Es dauerte nicht lang bis auch Woody Allen, der Drehbuchschreiber, Regisseur und Schauspieler in Personalunion, die Seiten der Boulevard- und Nachrichtenmagazine mit Sätzen wie „Die Ehe ist ein Versuch, zu zweit mit den Problemen fertig zu werden, die man alleine nie gehabt hätte" füllte. Bis heute versteht es der begnadete Autorenfilmer wie kein Zweiter, das Thema Menschen und ihr Beziehungschaos immer wieder neu zu verpacken und erfolgreich auf die Leinwände zu zaubern. Waren seine ersten filmischen Gehversuche noch einfache Nummernrevuen, vollgepackt mit billigen Scherzen, differenzierte sich seine cineastische Handschrift in den Folgejahren immer deutlicher aus. Der humoristische Klamauk wich zugunsten einer dramatisch anspruchsvolleren Handlung in den Hintergrund und der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Er kommt 1977 mit „Der Stadtneurotiker“: vier Oscars gab es – für den Film, für ihn selbst als Regisseur und als Drehbuchautor sowie für seine Filmpartnerin Diane Keaton. Bei der Preisverleihung suchte man den umjubelten Preisträger allerdings vergebens: Allen zog es lieber vor, mit seiner Jazzband Klarinette zu spielen, wie jeden Montagabend.
Anfang der Achtziger begann für den preisgekrönten Filmemacher ein neues Kapitel. Allen lernte die damals 35-Jährige Schauspielerin Mia Farrow kennen und lieben und Hollywood hatte ein neues Traumpaar gefunden. Er, der gefeierte Filmemacher, sie, der glamouröse Star mit karitativen Engagement. Elf Mal stand Mia Farrow in den kommenden Jahren für ihren Mann vor der Kamera, unter anderem in Purple Rose of Cairo, Hannah und ihre Schwestern und Ehemänner und Ehefrauen. Doch das scheinbar perfekte Eheglück endete in einem Desaster. Anfang der Neunziger entdeckte Farrow, dass Allen eine Affäre mit ihrer Adoptivtochter hatte. Was folgte, war eine mediale Schlammschlacht sondergleichen. Mit Soon-Yi, der damaligen Adoptivtochter, ist er übrigens seit 1997 verheiratet. Wirklich geschadet hat der Skandal seiner Karriere allerdings nie. Im Gegenteil. Bis heute drängen sich ihm die schönen Stars für eine Rolle in seinen Filmen geradezu auf. So rannte ihm Scarlett Johansson für Match Point geradezu die Tür ein, Penelope Cruz musste er für Vicky Christina Barcelona nur einmal Fragen und auch Frankreichs First Lady Carla Bruni sagte ihm für seinen aktuellen Film Midnight in Paris sofort zu. Zumindest in Besetzungsfragen muss sich der begnadete Filmemacher wohl auch in Zukunft keine Sorgen machen. Für einen ausgewiesenen Pessimisten, sicherlich ein schönes Gefühl.
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