Wie aus Demo Pluto wurde
Satire: Demokratie in Deutschland ist auch 65 Jahre nach dem Faschismus und 21 Jahre nach dem Zusammenbruch der Diktatur des Proletariats noch ein zartes Pflänzchen. Andernorts, wo das Volk schon lange das Sagen hat, hält die Demokratie mehr aus, und deshalb ist sie da auch experimentierfreudiger. Wir reden natürlich, wie könnte’s anders sein, von unserem großen Vorbild, den USA.
by Goethe (02. February 2011)
Da schwappt die Macht zwar seit über 200 Jahren mit der relativ konstanten Gleichmäßigkeit eines Klaviertakt-Anzeigers von Republikanern zu Demokraten und wieder zurück, aber natürlich gibt es ansonsten feine Differenzen, auf die wir hier nicht näher eingehen wollen.
2010 jedenfalls war wieder Zeit für kleine Experimente, das bot sich natürlich mitten in einer Weltwirtschaftskrise ganz besonders an. Man dachte sich wohl: Nachdem die Banken eh demnächst die Weltherrschaft übernehmen möchten, ist die Zeit der Wirtschaftsdemokratie angebrochen. Der Oberste Gerichtshof urteilte, dass amerikanische Unternehmen künftig nicht mehr daran gehindert werden dürfen, sich in Wahlen einzumischen. Das verblüfft zunächst, bestanden doch George Bush, Dick Cheney und das ganze letzte Millionärskabinett sowieso vornehmlich aus Marionetten von Großfirmen à la Halliburton. Doch offensichtlich fehlte dem die juristische Grundlage – was bei der Bush-Regierung kein Grund für Tatenlosigkeit darstellen musste. Jetzt also dürfen auch Firmen ganz legal Wahlwerbung schalten und Kandidaten stellen, bis das Capitol wackelt.
Bedenkenträger fürchten, dass unabhängige Kandidaten, die es angeblich immer noch gibt, damit völlig aus dem Rennen geschubst werden, weil ihnen das nötige Kleingeld fehlt. Schon heute stellen die Wabbelbrot-Normerier von McDonald’s in unzähligen Schulen die Grundverpflegung und dürfen dafür ihren Vorzeigepappmann Ronald McDonald in den Klassenzimmern postieren. Wir stellen uns vor, wie die vor-präparierten Clownschüler von heute morgen in die Politik gehen und in Vertretung der Firma X das Land lenken. Männer wie Ronald Reagan, der von General Electric auf die Schiene gestellt worden ist oder George Bush, der als Epigone der Ölbranche das Land ins Unglück abschmieren ließ, werden dann nur noch als Test-Monster einer Vorgänger-Generation von ferngesteuerten willenlosen Polit-Proto-Profis milde belächelt.
Wenn das Land dann endgültig von Hedgefond-Managern, Ölbaronen, Autobankrotteuren, Hotelkettenmultis, Waffenproduzenten, Atomdealern und IT-Mogulen regiert wird, dann sollte sich der Rest der Menschheit warm anziehen. Denn wenn die Helden der Demokratie, die dann endlich wieder Plutokraten genannt werden dürfen die Probleme der Menschheit anpacken, bleibt vermutlich auch das letzte sehende Auge nicht mehr trocken.
Text: Jörg Wild