Junges Gesicht für das Sorgenkind
Dr. Annette Winkler leitet seit einigen Monaten die Geschicke von Smart. Dem „Bonsai-Mercedes“ scheint das gut zu bekommen.
by Hannah Hofmann (25. March 2011)
Der Smart schwächelt, die Krise gehört seit Jahren zu seinem Dauergepäck. Seit einigen Monaten sitzt allerdings eine Dame am Drücker des Autos für die kleine Parklücke, die den häufig belächelten Cityflitzer aus der Loser-Ecke herausholen will: Annette Winkler, 51 Jahre alt, Automanager-Quereinsteigerin.
„Madame Smart“ wurde die schon präventiv hoch gelobte Retterin genannt, bevor sie überhaupt einen Fuß über die Schwelle zum Reich der Zweisitzer überschritten hatte. Damit waren die Erwartungshaltung vom Mutterkonzern Daimler schnell in griffige Worte gepackt. Die Lady soll richten, wo andere gescheitert sind. Denn dass der Smart ein Sorgenkind der erfolgsverwöhnten Stuttgarter Luxuskarossenhersteller ist, weiß inzwischen jedes Kind. Die Verkaufszahlen des Smart lassen viele Verantwortliche seufzen. Nur 97.000 Stück konnten 2010 an den Mann gebracht werden, selbst die magische 100.000er-Grenze war zu hoch gegriffen. Kein Wunder, denn die Konkurrenz ist Mini, Audi A1 und dem pfiffigen Fiat 500 optisch und technisch sehr heftig.
Jetzt also Annette Winkler. Sie ist im Begriff die Rolle Rückwärts im Daimler-Konzern salonfähig zu machen: Smart wurde lange als eigenständiger Geschäftsbereich im Konzern geführt. Doch als sich abzeichnete, dass aus einem Verlust ein Milliarden-Verlust-Desaster zu werden drohte, entzog Daimler-Chef Dieter Zetsche 2006 den kleinen Sorgenkindern die Freiheit und holte sie heim unter die schützende Hand der Mercedes Car Group. Der Erfolg der Aktion zeigte keine umwerfend gewinnbringenden Erfolge, und so wird die neue Chefin mit der zurück gewonnenen Freiheit eines eigenen Geschäftsbereichs tüchtig durch die staubigen Hallen des Smart-Betriebs putzen können und müssen.
Sie wird das schaffen, da sind sich Daimler-Bosse und Experten der Automobilindustrie einig. Nicht umsonst ist die 51-jährige Managerin, nur eine von zwei Frauen in der Führungsebene E1, die in der Konzern-Hierarchie direkt unterhalb des Vorstands logiert. Als ehemalige Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation von Mercedes-Benz weiß sie, wie wichtig es ist, die Zügel in der Hand zu halten. Vertrieb, Produktion und Entwicklung werden daher zentral bei ihr zusammen laufen. Dabei wird ihr zweifellos helfen, dass sie von ehemaligen Mitarbeitern als „Managerin mit Biss“ bezeichnet wird.
Wie kommt eine Frau, die erst mit 35 Jahren ins Autobusiness eingestiegen ist, mit 50 Jahren schon an die Spitze eines Kleinwagenherstellers? Ein Blick auf Annette Winklers Karriere hilft beim Verständnis. Es gehört wohl eine gehörige Portion Ehrgeiz dazu, nach einer Ausbildung zur Industriekauffrau ein BWL-Studium so durch zu ziehen, dass im zarten Alter von 27 Jahren eine Promotion über Unternehmensbewertung und Rechtsprechung vorliegt. Im Studium hat sie also nicht getrödelt, stattdessen schon parallel zu den wissenschaftlichen Arbeiten als Mit-Geschäftsführerin im elterlichen Bauunternehmen in Wiesbaden erste Erfahrungen im Leiten einer Firma gesammelt. Sie modernisierte und verjüngte den Betrieb, förderte das damals noch wenig akzeptierte innerbetriebliche Solidaritäts- und Familiengefühl und sorgte damit für eine „offene und angstfreie Firmenkultur“. Sie zeigte sich nicht nur im Büro sondern auch auf den Baustellen, sie kannte ihre Mitarbeiter und deren Sorgen und Freuden. Und sie nimmt seither konstruktive Kritik und einen offenen Leitungsstil besonders ernst.
Innovationen sprechen sich herum, Verbundenheit mit der Firma macht sich bezahlt. In der Jungunternehmer-Organisation wählte man Annette Winkler bald zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden, die Champagner-Marke Veuve Cliquot verlieht ihr das begehrte Prädikat „Unternehmerin des Jahres 1999“. Das alles half aber nicht, als der Familienbetrieb von der Baukrise erwischt und in den wirtschaftlichen Keller gezogen wurde. Rechtzeitig hatte Winkler da schon die Reißleine gezogen und war zu Mercedes-Benz gegangen.
Eine Frau als Seiteneinsteigerin in der Autobranche? Noch dazu als Leiterin einer Mercedes-Benz-Niederlassung, wo sie auch für die Verkaufszahlen von Nutzfahrzeugen zuständig ist? Annette Winkler, ahnte die Fallstricke – und die Chancen: Binnen weniger Tage erwarb sie als schnellste Absolventin einen LKW-Führerschein und erwarb sich damit bei Spediteuren und Truckern einen Ruf als Teufelsweib. Bei so viel Einsatzfreude stehen ehrgeizigen Frauen bei Daimler viele Türen offen. Und die wusste die Automanagerin als beigeisterte Joggerin und Rennradfahrerin mit viel Ausdauer und Zielstrebigkeit auf dem Weg nach oben zu durchschreiten.
Offene Türen einrennen muss Winkler demnächst mit all den geplanten Neuerungen, die auf den Smart zukommen. „Winkler ist eine impulsive Frau“ schreibt die FTD. „Sie gestikuliert heftig und ist ständig euphorisch, als packe sie gerade einen Berg Geschenke aus. Manche Daimler-Leute sprechen von einer ‚ständig aufgeladenen Batterie’, wenn sie die Chefin meinen.“ Volle Batterien wird sie genauso brauchen wie der erste Elektro-Smart, der schon 2012 vom Band laufen soll. Wirklich „revolutionär“ für die ansonsten eher zugeknöpften Verhältnisse im Mercedes-Reich ist eine Kooperation mit Renault und Nissan. Ab 2014 wird die nächste Generation Smarts auf einer gemeinsamen Plattform mit den Franzosen stattfinden. Dann gibt es ein neues Wiedersehen nicht nur mit den klassischen Zweisitzer sondern auch einen Viersitzer. Smartfortwo und Twingo werden dann Fahrwerk und Heckantrieb teilen. Und auch beim Motorenbau sollen die Bande zwischen den beiden Konzernen enger werden.
Fachleute sind gespannt, wie sich der „Bonsai-Mercedes“ entwickelt. Eine Elektroversion ist nötig, die Kooperation mit Renault sinnvoll. Dringend erforderlich ist aber vor allem auch eine Verkaufsstrategie, denn bislang, so bemängeln Insider, hat der Smart keine klare Zielgruppe. Dem will Winkler Abhilfe schaffen und hat dafür auch schon etliche Konzepte in der Schublade. „Ich will die Idee der Gründer aufgreifen“ sagt sie und meint damit die Philosophie, dass der Smart mehr ist als ein Auto. Ursprünglich gedacht war er als ein Mobilitätskonzept für die Stadt. „Einen der Megatrends“ sieht sie „in der Individualisierung“, denn die Spezialeditionen haben sich gut verkauft. Und einer ihrer ganz intensiven Blicke wandert ins neue Wunderland des Konsums, China. „Dort wird es langsam schick, ein solches Auto zu fahren.“
Bis es so weit ist, findet auch im kleinsten Smart-Cockpit das iPad seinen Einzug. Im Stau oder wo auch immer sollen Smart-Fahrer ihre Erlebnisse zu „Papier“ bringen. Unter dem Titel „Ideen bewegen“ präsentiert Smart zunächst eine interaktive Geschichte großer Visionen und Visionäre. Dazu steht zunächst die erste entsprechende iPad App im iTunes Store zum Download bereit. Der Titel ist auch für die App selbst Programm, sie ist immer in Bewegung. Jeder iPad Besitzer kann einen eigenen Beitrag ergänzen und gemeinsam mit Smart die Geschichte weiterschreiben. So wächst das eBook kontinuierlich und es entstehen immer neue Kapitel, die via Update auf dem iPad zu lesen sind. „Wir wollen mit der neuen Smart iPad App eine Plattform schaffen, auf der sich die Menschen kreativ mit der Welt beschäftigen, ihre Ansichten aufschreiben und sie mit anderen teilen und diskutieren können“, sagt Annette Winkler. „Daraus entsteht ein einzigartiges Kaleidoskop, das die Vielfalt der Menschen und ihrer Gedanken widerspiegelt.“
Lebenslauf Annette Winkler
Annette Winkler wurde am 27. Sept. 1959 in Wiesbaden als Kind einer alt eingesessenen Unternehmerfamilie geboren. Sie absolvierte eine Lehre, weil sie einen Beruf von der Pieke an lernen wollte, studierte BWL. Schon vor der Promotion war sie als Mit-Geschäftsführerin im elterlichen Bauunternehmen eingestiegen, das sie einige Jahre mit Methoden führte, die ihrer Zeit weit voraus waren. Als die Immobilienflaute auch ihren Betrieb bedrohte, stieg sie aus und verkaufte. Bei Daimler wurde sie mit offenen Armen empfangen, leitete zunächst eine Niederlassung in Braunschweig und war dann als Mercedes-Landeschefin Benelux in Brüssel tätig. Es folgte die Leitung der Kommunikationsstelle in der Konzernzentrale in Stuttgart. Seit September 2010 ist sie Chefin von Smart. Annette Winkler ist seit 1992 mit einem Rechtsanwalt verheiratet. Sie joggt, fährt Rennrad, spielt Klavier, ist Klassik-Fan, liebt Opern- und Konzertbesuche und schätzt Reisen.
Text: Jörg Wild
Profile of Hannah Hofmann