Gleich und Gleich gesellt sich gern

Entlang der „Rubljowka“ Chaussee wohnen die reichen Moskowiter Das Leben kann schön und angenehm sein in Moskau – vorausgesetzt, das nötige Kleingeld ist vorhanden. Denn in dieser Hinsicht ist Moskau eigen: Die Stadt zählt zu den teuersten der Welt, aber die Wertsteigerung ist vor allem Produkt einer unglaublichen Kapitalverteilung, die sonst nur noch in Brasilien zu bestauen ist.

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Während die Armut in vielen Stadtteilen zu finden ist, tummeln sich die Reichen gerne in einem eigenen Viertel: Entlang der Rubljowo-Uspenskoje Chaussee – vom Volksmund in Anspielung auf die Landeswährung nur „Rubljowka“ genannt.

So bizarr die Einkommensverhältnisse in Russland verteilt sind, so grotesk ist auch das Aushängeschild des real existierenden Kapitalismus in Moskau. Wie in vielen anderen europäischen Städten auch, wohnen die Reichen der russischen Hauptstadt gerne im Westen – von dort weht meistens der Wind, man wird nicht belästigt vom Staub und von den Abgasen der Millionenmetropole und von den Ausdünstungen der Armen. Entsprechend schlängelt sich die Rubljowka zweispurig gen West stadtauswärts.

Ursprünglich hatte Stalin hier den treuen Wissenschaftlern, die für ihn die Atombombe bauten, Datschen errichtet. Später folgten Funktionäre des Sowjetsystems und Schriftsteller. Der Musiker Rostropowitsch lebte hier und gewährte seinem Freund Alexander Solschenizyn Unterschlupf. Und der Physiker Andrej Sacharow besaß ebenfalls ein Haus – das war, bevor er sich gegen das Regime wandte und nach Sibirien umziehen musste.

Schon in dieser Zeit kannten die Bewohner der Straße die Gegenwart des Geheimdienstes KGB, der einige unliebsame Genossen beschattete. Später zog der bekannteste Ex-KGB-Mann auf die Rubljowka, nämlich Vladimir Putin. Wie der Mann sich eine Datscha auf der Edelchaussee leisten kann, ist ein milde belächeltes Rätsel. Denn eigentlich beginnen die Preise für Häuser hier bei einer halben bis einer Million Euro. Ein Quadratmeter kostet 10.000 bis 20.000 Euro – viel Geld selbst für einen sparsamen Präsidenten, der nur 4.500 Euro Monatsgehalt verdient. Eigentlich wohnen hier nur die Millionäre und Milliardäre, die Gewinner des Umbruchs der 90er Jahre, die der Volksmund „Neue Russen“ nennt.

Aber selbst für viel Geld bekommt nicht jeder eine Villa. Die Grundstücke sind begehrt, und mancher Besitzer hängt hartnäckig an seinem Anwesen. Dann kann es schon mal sein, dass des Nachtens ein Feuer ausbricht und nur noch Trümmer vom Eigenheim bleiben. Dagegen und gegen die befürchteten Einbrecher sind Videoüberwachungen, Leibwächter, Sicherheitsdienste und andere Schutzmaßnahmen eine nur begrenzt taugliche Maßnahme. An der Tagesordnung sind sie trotzdem. Denn obwohl die Straße zu den sichersten im Großraum Moskau zählt, ist die Paranoia der Bewohner beträchtlich und berüchtigt.

Angst vor Killern, Kidnappern und Räubern sind vielfältig bei den betuchten Männern. Die Frauen hingegen fürchten sich vor der Konkurrenz, denn die Gatten sind begehrt, jüngere Frauen stehen in den Startlöchern und entsprechend währen Ehen meist nicht lang auf der Rubljowo-Uspenskoje Chaussee. Wie sich die Furcht der Gemahlinnen ausweitet, hat die Unternehmerswitwe Oksana Robski in ihrem Buch „Casual“ beschrieben. Manche Russin wünschte, sie hätte solche Sorgen.

Trotz allem, es lebt sich gut hier. Geschäfte, Boutiquen, Autohäuser – die Reichen der Chaussee haben alles vor Ort, was sie brauchen. Nur wenn sie in die Stadt fahren müssen, dann sind sie alle gleich. Dauerte die Fahrt in die Stadt früher 25 Minuten, so sind es heute bis zu zwei Stunden, wenn sich die Edelkarossen dicht an dicht in die City quälen. Nur einer kommt schneller voran: Für Vladimir Putin wird die Rubljowka zwei mal täglich gesperrt. Dann prescht sein Konvoi mit 140 km/h durch den Fichtenhain, und die Bewohner wissen wieder, dass es immer noch einen Tick besser geht, wenn man nur ehrgeizig genug ist.

Goethe is a member of yoorite since 2 years and lives in Wien.

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