Der Schokodoktor von Juist
EXKLUSIV: Rolf Everding zu Gast beim Inseldoktor Paul Okot Opiro auf Juist
by Rolf Everding (12. August 2011)
Dr. Paul Okot Opiro wurde in Uganda geboren und besuchte dort die Grundschule. Wegen der politischen Unruhen musste er 1981 das Land verlassen und kam nach Deutschland. In Korbach machte er sein Abitur und studierte Humanmedizin in Kiel. Er war drei Jahre lang in Bad Brückenau in der Chirurgie, der Inneren Medizin, der Urologie und der Gynäkologie. 1999 wurde er in die Neurootologische Klinik nach Bad Arolsen berufen. Über sein Leben hätte es nicht viel zu erzählen gegeben.
Bis auf die Sache mit Juist.
Im Februar 2003 bekommt Dr. Okot Opiro von der Kassenärztlichen Vereinigung das Angebot, sich als Allgemeinmediziner auf der Nordseeinsel Juist nieder zu lassen. Zusammen mit seiner Frau Dr. Heike Göttlicher fährt er in den hohen Norden und lernt das Eiland kennen. Er kommt, er sieht, und er weiß: „Diese Insel kann meine neue Heimat werden.“ Er kündigt seinen unbefristeten Arbeitsvertrag und nimmt das Angebot an. Juist liegt in der Nordsee, und vom Lärm der Welt ist auf der Auto freien Insel nichts zu hören. Pferdehufe klappern übers Pflaster, Radfahrer rufen sich etwas zu. Die Flut bestimmt das Kommen und Gehen. Hier hat die Zeit noch Zeit. Auf Juist ist vieles anders, auch die Menschen. Wer hier nicht geboren ist, kann nie ein Insulaner werden. Fremdes ist oftmals suspekt und nur selten willkommen.Und Dr. Okot Opiro ist etwas Fremdes mit schwarzer Hautfarbe.
Als die Bevölkerung erfährt, dass ein Schwarzer auf Juist Arzt werden will, ist die Abneigung groß. Überall im Dorf gibt es massive Ablehnung. Geeignete Praxisräume werden mit Ausreden als “schon vermietet“ bezeichnet, der damalige Bürgermeister kann nicht helfen, und ein geplantes Ärztezentrum wird auch nicht gebaut.
Immer wieder fährt das Ehepaar auf die Insel und sucht Praxisräume, aber vergeblich. Und so stehen sie da mit der Kassenärztlichen Zulassung, aber ohne Praxisräume. Die Juister zeigen ihnen die kalte Schulter, sie wollen keinen Schwarzen Doktor. „Was will der hier, ich lasse meine Frau doch nicht von so einem untersuchen, der soll wieder dahin gehen, wo er her kommt“, hört man von Einheimischen.
Irgendwann bietet man dem Arztehepaar - nicht ganz uneigennützig - Praxisräume im historischen Kurhaus an. Sehr teuer, aber als Not-Unterschlupf eine Möglichkeit für den Anfang. Das aber ist den Insulanern auch schon gar nicht recht. „Jetzt dreht er völlig durch, und arrogant ist er auch noch. Der kann lange warten, bis wir zu einem Doktor ins vornehme Kurhaus mit den Highsocieties gehen.“
Probleme gibt es auch mit den damaligen beiden ansässigen Ärzten. Sie fürchten die Konkurrenz bei der ärztlichen Versorgung der knapp 1.800 Einwohner und der mehr als 100.000 Gäste im Jahr. Dr. Okot Opiro wird sogar vom Bereitschaftsdienst ausgeschlossen. Wie bei einer Verschwörung wenden sich auch das DRK und der Rettungsdienst gegen ihn.
Das Ärzteehepaar sucht sich rechtlichen Beistand und kann alle Vorwürfe, die letztlich nur darauf abzielen, den Schwarzen Doktor von der Insel zu vertreiben, in allen Punkten entkräften. Irgendwann gewöhnen sich die Juister an den Black Man. Ein paar Ewiggestrige zerstechen ihm zwar noch einige Mal die Reifen seines Notfall-Autos. Das Ärzteehepaar erträgt solche Schikanen, hält durch und bleibt im Kurhaus auf Juist.
Die Geschichte gegen die Fremdheit hat mittlerweile ein gutes Ende gefunden. Das Ehepaar wohnt in einer schönen Wohnung hinterm Deich, die Töchter gehen in den Kindergarten, und das mittlerweile viel zu enge Wartezimmer ist fast immer voll. Die Einheimischen gehen gern und vertrauensvoll in die Kurhaus-Praxis. Juister Vereine und die Kirchengemeinden organisieren Benefizveranstaltungen für seine NAUME-Kinderstiftung. Mit dem gesammelten Geld wird Not leidenden Waisenkindern in Norduganda ein menschenwürdiges Leben ermöglicht.
Das Leben als Arzt auf einer Insel wie Juist ist sehr schwierig. Allein durch die Gezeitenabhängige Insellage – kein Krankenhaus, keine weiteren Fachärzte, Schwierigkeiten beim Krankentransport zum Festland – ist es nötig, dass ein Arzt hier umfassend ausgebildet ist. „Wenn ich nicht eine so vielseitige medizinische Ausbildung hätte, und mich nicht in einem halben Dutzend Fachrichtungen auskennen würde,“ sagt Dr. Okot Opiro, „müsste der Rettungshubschrauber täglich auf die Insel kommen, um Patienten ans Festland zu Spezialisten zu fliegen. Juist braucht einen geländegängigen Universalisten, so einen wie mich!“
Dr. Okot Opiro und seine Familie sind heute angesehene und geachtete Bürger auf Juist. Die Insulaner nennen ihren Arzt liebevoll “Unser Schokodoktor“ und am liebsten würden sie ihn zum Schützenkönig machen. Doch das geht den Okot Opiros dann doch zu weit.
„Wir wollen den Juistern tüchtige Ärzte sein, hier akzeptiert werden und uns auf dieser wunderschönen Insel mit seinem gesunden Klima zuhause fühlen dürfen; mehr wollen wir nicht“.
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