Der Drachensegler

Stephan Wrage leitet die Firma SkySails, die Lenkdrachen für Ozeanriesen baut. Die sparen Treibstoff und sind eine ökologische Variante zu herkömmlichen Antriebssystemen.

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Rasend schnell und doch unglaublich geschmeidig gleiten Kitesurfer über die Meere. Und nicht umsonst stehen Strandbesucher oft stundenlang am Ufer und beobachten die Teufelskerle, die sich mit ihren Surfbrettern von einem Drachen über die Wellenkronen ziehen und zerren lassen. Nicht ganz so federleicht aber dafür mit deutlich mehr Kraft ziehen heute riesige Drachensegel Handelsschiffe übers Meer. Einer, der seine ganze Arbeitskraft diesen gigantischen Segeltypen widmet, ist Stephan Wrage, Chef des Windantriebsherstellers SkySails. Der Mann ist in mehrfacher Hinsicht ein Überflieger.

Die Menschheit weiß, dass die Ölreserven knapp sind, steigende Preise sind erst die Vorboten einer bevorstehenden Krise, auf die die Menschheit bisweilen starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. Umso mehr Beachtung finden deutlich sichtbare Innovationen, die Lösungen aus der Abhängigkeit vom Öl aufzeigen. Und was wäre besser sichtbar als ein gigantisches Segel, das einen Ozeanriesen zieht? Stephan Wrage erklärte dazu in einem Interview: „Der Drachen kann den Schiffsdiesel nicht ersetzen. Der Wind ist ein Hilfsantrieb und soll den Treibstoffverbrauch reduzieren.“ Wrage weiß, wovon er spricht, denn ohne ihn wäre die Idee der Schiffsdrachen noch lange nicht da, wo sie heute schon ist.

Im zehnten Stock eines ehemaligen Kaispeichers kann Wrage auf den Harburger Hafen und die Elbe blicken. So sollte das auch sein für einen Ur-Hamburger, der schon Zeit seines Lebens liebte, wenn ihm die Meeresluft um die Nase wehte. Schon als Kind liebte es Wrage, mit selbst gebastelten Drachen dem Wind am Meer und am Elbstrand zu widerstehen oder ihn zu nutzen. Als er 13 war zweckentfremdete er Omas fußgetriebene Nähmaschine, um aus festen Stoffen und alten Sicherheitsgurten einen so stabilen Drachen zu nähen, der von einer normalen Elektro-Nähmaschine gar nicht mehr gepackt worden wäre. Manche Karrieren lassen sich schon früh erkennen.

Was sich seither abspielt ist eine Mischung aus Idealen, festen Zielen, Visionen und sehr viel Hartnäckigkeit. Das zeichnete sich schon in der Universität ab, denn Wrage absolvierte ein Prädikatsexamen als Wirtschaftsingenieur, der sich vor allem mit Fragen nach Werten und den Grenzen des Wachstums beschäftigt hatte.

Stephan Wrage wusste und lernte: Um ein mittelgroßes Schiff von einem Himmelsdrachen ziehen zu lassen, sollte das Segel 160 Quadratmeter groß sein und einem Gleitschirm ähneln. Ein Hochleistungsseil bringt die riesige Tuchfläche automatisch gesteuert auf eine Höhe von 100 bis 300 Metern, denn hier sind die Windverhältnisse kräftiger und stabiler als an der Wasseroberfläche. Oben angelangt in der richtigen „Arbeitshöhe“ beschreibt der Drachen im dynamischen Flug Figuren wie Achten oder Schleifen. Damit lassen sich je nach Wind 15 Prozent und mehr Sprit sparen.

Drachen als Zugverstärker sind die logische Folge von Segeln – sie bringen nur deutlich mehr Kraft hinter den Zug, weil sie eben höher im Wind stehen als ihre seit Jahrtausenden bewährten, seeverbundenen Vorgänger. Die Idee, mit Hilfe von Drachen Gegenstände am Boden zu bewegen ist nicht neu. Erstes Aufsehen erregte der Engländer George Pocock, der schon 1826 so eine Kutsche auf 20 km/h brachte. Aber richtig in Schwung kam die Weiterentwicklung von Zugdrachen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als synthetische Leinen und Segel den enormen Kräften von Winden in höheren Regionen standhalten konnten. Mehrere Sportarten entdeckten den Drachen, und so finden wir heute Kanus, Schlittschuhläufer und Strandbuggies, die von höher gelegten Segeln gezogen werden.

Logisch, dass irgendwann vor allem auch ökologische Vordenker den Drachen entdeckten. Stephan Wrage ist ein solcher Pionier. Denn immer wieder rücken bei seiner Arbeit auch Umweltthemen in den Mittelpunkt der Planung. Der Wirtschaftsingenieur weiß, dass jährlich an die 900 Millionen Tonnen CO2 allein von der weltweiten Schifffahrt in die Atmosphäre geblasen werden – Zahlen, die den Umweltsünden der Luftfahrt Konkurrenz machen. In einem Interview sagte Wrage kürzlich: „Stark beeinflusst wurde ich auch durch die Bücher ‚Die Grenzen des Wachstums’ von Dennis Meadows, und ‚Faktor 4’ von Ernst Ulrich v. Weizsäcker. Beide Autoren verdeutlichen eindrucksvoll, dass nachhaltiges Wirtschaften in Zeiten knapper und teurer Rohstoffe zwingend notwendig ist und man hier ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld eröffnen könnte.“

Den ersten großen Erfolg feierten seine SkySails mit dem 133-Meter-Frachter „Beluga SkySails“, der 2008 zur Jungfernfahrt über den Atlantik nach Südamerika aufbracht. 500.000 Euro kostet ein Drachensystem wie das der Beluga. Und obwohl die Segel im Durchschnitt nur ein Jahr halten und dann ausgetauscht werden müssen, rechnet sich die Investition je nach Schiffstyp nach drei bis fünf Jahren.

Noch ist das System in der Test- und Entwicklungsphase, aber einige Schiffe haben ihre Erfahrungen bereits gesammelt. Die Frachtschiffe MS „Beluga SkySails“ der Reederei Beluga Shipping und MS „Michael A.“ der Reederei Wessels wurden Ende 2007 mit einem SkySails-Antrieb ausgerüstet. Ein weiteres Schiff der Reederei Wessels, das MS „Theseus“, folgte im Sommer 2009. Anfang 2010 wurde das erste SkySails-System im Rahmen eines Pilotprojektes auf einem Fischtrawler installiert. Bei den bisher auf diesen Frachtschiffen installierten Systemen handelte es sich um Pilot- bzw. Vorseriensysteme, die in den letzten drei Jahren im regulären Schiffsbetrieb langzeiterprobt und kontinuierlich weiterentwickelt wurden. Alle während dieser Langzeiterprobung gesammelten Erfahrungen und Ergebnisse flossen direkt in die Produktentwicklung ein. SkySails wird die Produktentwicklung des Systems für Frachtschiffe nun finalisieren und dann die Produktion des Systems in größeren Stückzahlen beginnen.

Die Wirtschaftskrise hat zu einer schweren Krise in der Schifffahrt geführt. In der Folge fehlte vielen Reedereien Liquidität für Investitionen. Inzwischen hellt sich die Lage langsam auf und so rücken die Herausforderungen der Zukunft wieder stärker in den Fokus, denn die Schifffahrt ist vollständig abhängig von Öl. Bereits beim heutigen Bunkerpreis betragen die Treibstoffkosten oftmals mehr als die Betriebskosten eines Schiffes. Darüber hinaus rechnen Experten wie die international renommierte Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd damit, dass sich die Treibstoffkosten für Schiffe innerhalb der nächsten zehn Jahre auf 140 US-Dollar pro Tonne fast verdreifachen. Hauptgründe für den Anstieg der Treibstoffkosten sind der steigende Ölpreis, die Verknappung des Angebots von Schweröl als Schiffstreibstoff durch die Modernisierung der Raffinerien und bereits in Kraft getretene sowie geplante Emissionsvorschriften für die Schifffahrt. Darüber hinaus nimmt die Nachfrage nach ressourceneffizienten und klimafreundlichen Logistikleistungen zu.

Die Reeder haben diese immensen neuen Herausforderungen sehr deutlich vor Augen, vor denen die maritime Schifffahrt in den nächsten Jahren stehen wird. Sie sehen sich zum Handeln gezwungen, und das heißt vor allem, sie müssen den Treibstoffverbrauch und die Emissionen ihrer Schiffe reduzieren. SkySails bietet da mit seinem innovativen Windantriebssystem für Frachtschiffe eine der weltweit attraktivsten Technologien zur gleichzeitigen Senkung der Betriebskosten und CO2-Emissionen an. Der Markteintritt war erfolgreich: Die SkySails-Erstkunden Beluga Group und Reederei Wessels sind zufrieden und haben bereits weitere Systeme nachbestellt. Ferner steht SkySails in engem Kontakt mit zahlreichen Reedereien und Frachteignern, die beabsichtigen, ein SkySails zu kaufen.

Es bleibt das überzeugendste Argument von SkySails, dass sich genau diese Investitionen lohnen. „Durch Einsatz des SkySails-Systems können die Treibstoffkosten eines Schiffes im Jahresdurchschnitt, abhängig von den Windverhältnissen, zwischen 10 und 35 Prozent gesenkt werden“, erläutert Wrage. „Herrschen optimale Windbedingungen, kann der Treibstoffverbrauch zeitweise um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Das neueste Produkt hat eine Antriebsleistung von mehr als 2.000 kW und spart damit pro Tag bis zu 10 Tonnen Öl ein – das entspricht einer Kostensenkung von bis zu 5.000 US-$ / Tag. Zum Vergleich: ein normales Einfamilienhaus benötigt 2 Tonnen Öl für Heizung und Warmwasser – pro Jahr!“

Die Ideen und Ideale von Stephan Wrage und seinem 80-köpfigen SkySailsTeam haben sich herum gesprochen. Der Mann genießt einen Ruf, um den ihn viele Spitzenmanager beneiden dürften. Und er häuft schon mit 38 Jahren Preise an, die aufhorchen lassen: Ökomanager des Jahres, Technology Pioneer 2008, Gründer Champions, Red Herring Award; Welt der Wunder Innovationspreis; Innovationspreis der Deutschen Wirtschaft; Zukunftsaward, Global 100 Eco-Tech Award, und aus Japan ging ihm 2004 die Auszeichnung The Outstanding Young Person zu.

Stephan Wrage hat wohl noch einen weiten Weg vor sich, bis die Drachen von SkySails über den Weltmeeren bekannt sind. Aber, so sagte kürzlich ein Kollege, „wenn es einer schafft, dann er!“ Sicherlich hilft dabei auch das Credo, das sich der 38jährige Drachenbauer auf die Fahnen schreibt: „Werte und das Streben nach Sinn sind die Brücke von der Vision zur Realität.“

Drachensteigen im Großformat

An Stelle traditioneller Segel mit Mast nutzt SkySails große Zugdrachen zur Erzeugung des Vortriebs. Ihre Form ist vergleichbar mit der eines Gleitschirms. Der Zugdrachen besteht aus hochfesten und witterungsbeständigen Textilien. Die gefesselt fliegenden SkySails können in Höhen zwischen 100 und 300m operieren, in denen stärkere und stetigere Winde vorherrschen. Im Vergleich zu normalen Segeln erzeugen sie pro Quadratmeter Fläche das fünf- bis 25-fache an Energie. Die Zugkräfte werden über ein hochreißfestes Kunststoffseil auf das Schiff übertragen. Ein Start- und Landesystem übernimmt das automatische Ausbringen und Einholen des Zugdrachens. Es ist auf dem Vorschiff installiert. Zum Start wird der ähnlich einer Ziehharmonika gereffte Zugdrachen mit einem Teleskopmast aus einem Lagerbehälter gehoben. In ausreichender Höhe entfaltet sich der Zugdrachen bis auf seine vollständige Größe und kann gestartet werden. Mit einer Winde wird das Zugseil gefiert, bis die Arbeitsflughöhe erreicht ist. Der Landevorgang läuft in umgekehrter Reihenfolge ab. Der gesamte Start- und Landevorgang erfolgt weitgehend automatisch und dauert jeweils ca. 10 bis 20 Minuten. Um bis zu 50 Grad dürfen Fahrt- und Windrichtung voneinander abweichen. Schieflagen wie bei Segelschiffen treten nicht auf denn wenn der Wind aus einer falschen Richtung pustet, fährt das Segel automatisch ein.

Vita Stephan Wrage, Geschäftsführender Gesellschafter SkySails Gmbh & Co. KG

Stephan Wrage ist Gründer von SkySails und Vorsitzender der Geschäftsführung. Er verantwortet die Bereiche Vertrieb, Öffentlichkeitsarbeit, Investor Relations sowie Business Development. Er wurde 1972 in Hamburg geboren und studierte an der TU Kaiserslautern und der TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen mit den Studienschwerpunkten Maschinenbau, Logistik, Innovationsmanagement und Controlling. Das Studium hat er als Diplom-Wirtschaftsingenieur mit Prädikatsexamen abgeschlossen. Während des Studiums war er im Verein Deutscher Wirtschaftsingenieure (VWI) Mitglied des Vorstandes. 1993 bis 2000 war er selbstständig als Berater für EDV- und Chipkartenlösungen, von 1997-1998 beteiligt am Fabrikneubau SAD GmbH, Dresden im Bezug auf Planung Logistik und Materialfluss, Erstellung des Fabriklayouts. Ebenfalls in die Zeit der ersten Selbständigkeit fällt ein Auftrag der TOP Business AG Nürnberg, für die er eine Projektleitung für die Konzeption und Durchführung von Management-Seminaren und Workshops übernahm. Seit 2000 arbeitet Stephan Wrage Vollzeit an der Entwicklung und Vermarktung des Zugdrachen- Antriebs, seit 2001 leitet er SkySails. Wrage ist begeisterter Segler und Lenkdrachenflieger.

Text: Jörg Wild

Hannah Hofmann is a member of yoorite since 2 years and lives in Mannheim.

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