Atqui ex lotio est
Geld stinkt nicht, meinten schon die alten Römer. Doch bis heute halten sich die Betreiber von öffentlichen Toilettenanlagen mit Informationen über ihre Geschäfte bedeckt. Warum eigentlich?
by Hannah Hofmann (26. April 2011)
Recht putzig kann der ansonsten eher lästige „Harndrang“ sein, der sich auf der Website von Mc Clean so präsentiert: Da tippelt ein Strichmännchen von einem Bein auf das andere, darunter leuchtet ein rotes Zeichen „occupied“. Kurz darauf wechselt die Farbe in grün und es erscheint der Schriftzug „free – enter now“. Sogleich rennt das hippelige Strichmännchen los und verschwindet im Firmenlogo – einem WC-Schild.
Weniger witzig ist es ja, wenn’s mal wirklich eng wird. Und wenn jemand davon was versteht, dann sind es die Leute von Mc Clean. Die Firma mit Sitz in der Schweiz betreibt ein Netz von Toiletten- und Hygieneanlagen in Bahnhöfen, Shoppingcentern und anderen Lokalitäten, wo sich viele Menschen tummeln und entsprechend oft mal ein menschliches Bedürfnis aufkommt.
Allerdings geht es den Mc Cleans nicht nur um die Befreiung der Bürger von dringenden Geschäften. Hier ist ein kerngesundes Verständnis für die Möglichkeit Vater des Gedankens, (uns sei der derbe Ausdruck verziehen) aus Scheiße Geld zu machen. Oder sollten wir lieber sagen mit Scheiße Geld zu machen. Denn genau darum geht es. Mitten im Getümmel, in direkter Nachbarschaft von Würstchenbuden, Kaffee-Bars, chinesischen Imbissständen und WC-freien Gaststätten sind die öffentlichen Toiletten verschwunden. Das rumpelige, stinkige und schon im Volksmund verschrieene Bahnhofsklo ist einem Tempel der Sauberkeit und des Wohlgeruchs gewichen. Derlei Entwicklungen sind schön, aber sie haben ihren Preis. Genau genommen lassen es sich die Mc Cleans teuer zahlen, dass die von Leibesdrücken gepeinigten Gäste sich Erleichterung verschaffen müssen. Bis maximal 20 Minuten in der Kabine sollten dem Kunden einen Euro Wert sein.
Wie viel die Sauber-Macs damit verdienen, bleibt leider im Verborgenen. Trotz Anfrage durch die Business Lounge, hält sich das Baseler Unternehmen mit seinen Zahlen bedeckt.
Zumindest bei den Unkosten besser erscheint da das System der Firma Tank & Rast. Mit ihrem Toilettensystem Sanifair schlägt der Highwayversorger eigene, günstigere Wege ein. Wer schon einmal auf einer Autobahntankstelle dem gerade eben genossenen Kaffee Platz in der Blase verschaffen wollte, der kennt das Prinzip. 70 Cent kostet ein Besuch am Urinal, wobei der Pinkler gleich einen neuen Gutschein in Höhe von 50 Cent für den nächsten Konsum bei der Muttergesellschaft Tank & Rast erhält. Die Firma begründet ihre Gebühren so: „Für die Nutzung von Sanifair zahlen Sie zunächst eine Aufwandsentschädigung für Service, Pflege und Wartung.“ Allerdings meinen die Betreiber es offensichtlich richtig gut mit den Kunden. Denn in den Imagetexten heißt es weiter „Eine angenehme Atmosphäre, Hygiene und Komfort, spezielle Beleuchtung und dezente Musikuntermalung: Bei Sanifair können Sie sich auf hohe Qualität und freundlichen Service verlassen. Denn unser Ziel ist Ihr Wohlbefinden.“
Damit nicht genug, gibt es Baby-Wickeltische, kostenlosen Zutritt für Kinder, Behinderte und andere Gäste, die den Geldschlitz nicht erreichen. Und – und das zeichnet die wirklich fortschrittliche Toilette aus – Laien-Defibrillator. Der Durchschnittsbürger kennt solche Geräte nur aus der Intensivstation oder aus dem Fernsehen, wenn hektische Ärzte „Komm schon, komm schon“ brüllen und daraufhin die Patienten einen halben Meter in die Luft fliegen. Auf ihrer Website schwärmt die Toilettenfirma: „Das sind Geräte mittels derer auch Sie bei der deutschlandweit häufigsten Todesursache, dem plötzlichen Herztod, sofort Hilfe leisten können. Denn hier kommt es buchstäblich auf jede Minute an. Die Geräte sind absolut selbsterklärend und sicher in der Anwendung. Schließlich liegt uns nichts so am Herzen, wie Ihre Gesundheit!“ Dem plötzlichen Herztod auf dem Autobahnklo, Schreckensvorstellung unzähliger Autofahrer, ist ein Riegel vorgeschoben. Für 20 Cent plus Verzehrgutschein.
Wie viel Tank & Rast mit dem Geschäft am „Geschäft“ verdient, verrät auch diese Firma auf unsere Anfrage nicht. Man kann nur schätzen. Tank & Rast ist nach Selbstauskunft „der führende Anbieter von Gastronomie, Einzelhandel, Hotellerie und Kraftstoff auf den Autobahnen in Deutschland. Sie betreibt mit ihren Pächtern im deutschen Autobahnnetz rund 340 Tankstellen und rund 370 Raststätten einschließlich 50 Hotels. Rund 500 Millionen Reisende besuchen jedes Jahr die Servicebetriebe der Tank & Rast.“ Und damit vermutlich auch die Sanitäranlagen von Sanifair. 500 Millionen Gäste mal 20 Cent … „Die Nummer 1 und der Qualitätsführer unter den sanitären Einrichtungen“, bräuchte sich für ihre Umsätze eigentlich nicht zu schämen. Aber offensichtlich ist es den Toilettenbetreibern unangenehm, überhaupt an den Fäkalien anderer Menschen zu verdienen.
Dabei ist die Idee gar nicht so neu. Es ist der ewige und ebenfalls selbsterklärende Kreislauf von Nahrungsaufnahme und entsprechender Notwendigkeit zur Ausscheidung, bei dem die Firma einen gewinnbringenden Puffer einbaut. 20 Cent pro Urinstrahl oder Wiederbelebung – da hätten schon die alten Römer ihre helle Freude dran gehabt. Denen nämlich ist es zu verdanken, dass wir seit über 2000 Jahren selbst für die Verrichtung der Notdurft einen Obolus entrichten müssen. Laut online-Lexikon Wikipedia wurde nämlich „gefaulter“ Urin seit Menschen Gedenken als Mittel für die Ledergerbung und als Wäschereinigungsmittel eingesetzt. „So wurden in Rom an belebten Straßen amphorenartige Latrinen aufgestellt, um den Urin einzusammeln, der von den Gerbern und Wäschern benötigt wurde. Um die leeren Staatskassen zu füllen, erhob Kaiser Vespasian auf diese öffentlichen Toiletten eine spezielle Latrinensteuer.“ Die öffentlichen Toiletten in Paris heißen noch heute „Vespasienne“, und auch die Italiener erinnern sich mit dem Begriff „Vespasiani“ an die alten Bedürfnisanstalten.
Bleiben wir noch kurz bei den Römern, ihrem Geschäftssinn und ihrem Hang zu klugen Merksätzen. Angeblich rechtfertigte Kaiser Vespasian die Einnahmen aus den Pinkelsteuern, indem er seinem Sohn Geld aus den ersten Einnahmen unter die Nase hielt und ihn nach störenden Gerüchen gefragt haben soll. Als der filius verneinte, soll der Imperator gesagt haben: „Atqui ex lotio est“ - also sinngemäß „Und doch kommt es vom Urin“. Die schöne Anekdote muss noch heute her halten, wenn man meint, dass gerade wieder einmal aus Scheiße Geld gemacht wurde. Aber man sieht, dass sich das direkte Verhältnis von Stuhlgang und Vermögensmehrung zunehmend verklemmter entwickelt hat. Der alte Kaiser war noch stolz auf seine pfiffige Idee. Und eigentlich wissen wir ja alle Pecunia non olet – oder wie der Nicht-Lateiner sagt: Geld stinkt nicht.
Text: Jörg Wild
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